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Kurzdarmsyndrom und Darmversagen

Beim Kurzdarmsyndrom besteht nach Resektion von Darmanteilen oder auf der Basis einer Fistel, einer Motilitätsstörung oder einer Mukosaerkrankung eine ungenügende Resorption von Nährstoffen und damit eine ungenügende Versorgung mit Eiweiß, Energieträgern, Wasser und Elektrolyten sowie Vitaminen und Spurenelementen. Der Zustand kann entweder durch spezielle Diät kompensiert werden und wir dann als Darminsuffizienz bezeichnet oder es handelt sich um ein Darmversagen, welches der parenteralen Substitution bzw. parenteralen Ernährung im Sinne einer Organersatztherapie bedarf.

Ursachen und Verlauf

Operationen, bei denen Teile des Dünndarms- und ggf. auch des Dickdarms entfernt werden, können die Darmfunktion so stark einschränken, dass Energieträger (Kohlenhydrate, Eiweiße, Fette), Wasser und Salze (Elektrolyte) sowie Vitamine und Spurenelemente nicht ausreichend resorbiert werden. Das äußert sich in Durchfall, Gewichtsabnahme und Flüssigkeitsverlust. Der Flüssigkeits- und Elektrolytverlust überwiegt häufig gegenüber der Malabsorption von Aminosäuren und Energieträgern. In der Folge ist die Gefahr der bedrohlichen Exsikkose immanent.

Parenterale Ernährung als Organersatzverfahren

Nach einer Darmresektion kommt es zur intestinalen Adaptation, die über Monate bis Jahre zur oralen Autonomie führen kann. Bis dahin ist die parenterale Substitution als lebenserhaltende Organersatztherapie notwendig – vergleichbar mit der Dialyse beim Nierenversagen. Entsprechend hohe Ansprüche sind an Expertise, Qualität und Sicherheit in der Therapie dieser seltenen Erkrankung zu stellen. Wir verstehen uns als Zentrum in der Versorgung von Patienten mit einem Darmversagen, welches der künstlichen Ernährung bedarf. Unsere Prozesse sind im Sinne eines Qualitätsmanagement als standard operating procedures (SOP) hinterlegt und unsere Mitarbeiter entsprechend geschult. Als Kurzdarmzentrum sind wir Teil des Zentrums für Seltene Erkrankungen der Universitätsmedizin Rostock und erfüllen dabei die Kriterien, die an ein NAMSE-B-Zentrum gestellt werden.

Unser Vorgehen

Wir richten unsere Diagnostik und Therapie an der individuellen Situation und postoperativen funktionellen Anatomie des Patienten aus. Vorbefunde und OP-Berichte sind dabei essenzielle Informationen.

An der Behandlung von Patienten mit einem schweren Kurzdarmsyndrom sind in der Regel mehrere Disziplinen und Berufsgruppen beteiligt (Hausarzt, Gastroenterologe, Pflegedienst, Apotheke, Sanitätshaus usw.). Patienten haben die freie Wahl, mit welcher Home Care Service und mit welcher Apotheke sie zusammenarbeiten wollen. Unsererseits besteht eine aktive und erfolgreiche Kooperation mit der Koordinationsstelle Kurzdarmsyndrom und wir arbeiten selbstverständlich mit anderen Versorgern zusammen.

Therapie

Je nach dem Ausmaß der Darmresektion und der Mangelsituation wählen wir verschiedene Behandlungsverfahren:

  • gezielte Diät oder Nahrungsergänzung mit Flüssigkeit und/oder Trinkzusatznahrung
  • vorübergehende oder langfristige Sondenernährung über eine nasoduodenale Sonde, um z. B. während der Nacht kontinuierlich zusätzlich Nahrung zuzuführen
  • vorübergehende oder permanente intravenöse Ernährung und Flüssigkeitszufuhr. In dieser Technik haben wir umfangreiche Erfahrungen in der Zusammenstellung einer individuellen Ernährungstherapie, sogenannte compoundete Ernährung.
  • Katheter-assoziierte Infektionen und Thrombosen sind die häufigste Komplikation der parenteralen Ernährung. Wir haben umfangreiche Erfahrung und definierte Vorgehensweisen für die Therapie und die Prophylaxe dieser Infektionen und versuchen im Regelfall den Katheter zu erhalten und nicht zu entfernen. Für diese Probleme stehen wir rund um die Uhr zur Verfügung.
  • Rekonstruktive Chirurgie: Häufig sind Teile des Darms ausgeschaltet oder es bestehen komplexe high output Stomata bzw. Fisteln. An der Universitätsmedizin Rostock besteht eine sehr enge Kooperation mit den Chirurgen, mit denen wir gemeinsam über den optimalen Operationszeitpunkt und die optimale medikamentöse und ernährungsmedizinische Therapie vor und nach einem solchen Eingriff beraten und ein gemeinsames Konzept festlegen.
  • Darmtransplantation: Diese Möglichkeit steht in Rostock aktuell nicht zur Verfügung. Es bestehen aber umfangreiche Erfahrungen in der Betreuung von Patienten vor und nach einer Darmtransplantation. Die Voraussetzung für eine solche Operation ist, dass alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und es unter einer parenteralen Ernährung zu ernsthaften, wiederholten Komplikationen gekommen ist, wie zu Leberschäden, Thrombosen an der oberen Thoraxappertur oder rezidivierende schwere Sepsis.

Wir haben unsere Vorgehensweise im Rostocker Kurzdarmmanual zusammengefasst.

Für die Patienten haben wir eine Broschüre mit wichtigen Informationen zusammengestellt.

Zusammen mit den Kollegen unserer Chirurgie waren wir maßgeblich an der Entwicklung der Deutschen Leitlinie beteiligt. Unsere Diagnostik und Therapie sind an der aktuellen deutschen Leitlinie und der aktuellen europäischen Leitlinie ausgerichtet.

Wissenschaftliche Aktivität

  • Wir nehmen an verschiedenen Studien zur medikamentösen Behandlung des Darmversagens teil.
  • Wir dokumentieren und analysieren den Verlauf unserer Patienten, um Rückschlüsse auf die optimale Behandlung unter Alltagsbedingungen zu gewinnen.
  • Unsere grundlagenwissenschaftliche und translationale Forschung beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Kurzdarmsyndrom und dem Darmversagen. In diesem Zusammenhang werden unsere Projekte von der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie vom Europäischen Sozialfonds und dem Land Mecklenburg-Vorpommern gefördert.

Mehr über unsere wissenschaftliche Aktivität finden Sie hier.

Veröffentlichungen

S3-Leitlinie: Klinische Ernährung in der Gastroeneterologie (Teil 3) - Chronisches Darmversagen
Lamprecht G, Pape UF, Witte M, Pascher A.

Two patients with intestinal failure requiring home parenteral nutrition, a NOD2 mutation and tuberculous lymphadenitis
Schäffler H, Teufel M, Fleischer S, Hsieh CJ, Frick JS, Lamprecht G.
Pubmed-Link: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24597572

[Short bowel syndrome in Germany : Estimated prevalence and standard of care.]
von Websky MW1, Liermann U, Buchholz BM, Kitamura K, Pascher A, Lamprecht G, Fimmers R, Kalff JC, Schäfer N.
Pubmed-Link: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24248157

NOD2 mutations are associated with the development of intestinal failure in the absence of Crohn's disease.
Schäffler H, Schneider N, Hsieh CJ, Reiner J, Nadalin S, Witte M, Königsrainer A, Blumenstock G, Lamprecht G.
Pubmed-Link: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24248157

Kurzdarmsyndrom
Lamprecht G, Königsrainer A.
Thieme: Gastroenterologie UpToDate

Therapeutsiche Optionen beim Kurzdarmsyndrom - State of the art
Witte M, Lamprecht G.
Thieme: Kompendium Gastroenterologie 8. Jahrg. 2012, Nr. 1

Characterization of refractory port-related blood stream infections in intestinal failure patients on parenteral nutrition.
Schäffler H, Daraban AM, Roggenbrod S, Schumacher U, Königsrainer A, Gregor M, Lamprecht G.
Pubmed-Link: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21391164

How immunocompromised are short bowel patients receiving home parenteral nutrition? Apropos a case of disseminated Fusarium oxysporum sepsis.
Müller C, Schumacher U, Gregor M, Lamprecht G.
Pubmed-Link: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19892906